Bio-Cotton in der Krise

Biobaumwolle gilt als Material der Stunde. Die Nachfrage nach ökologisch einwandfreier Kleidung ist groß. Doch „bio“ bedeutet nicht automatisch „nachhaltig“. Nach jüngsten Skandalen dämmert das auch dem Konsumenten. Die Textilindustrie ist gefordert und hat sich bereits auf die Suche nach Alternativen gemacht.

Vergleichen wir doch mal einen Apfel mit unserem Lieblings-T-Shirt. Das Obst muss natürlich ‚bio‘ sein. Denn wir haben gelernt, dass das nicht nur besser schmeckt, sondern auch gesünder für Mensch und Umwelt ist. Mittlerweile hat sich sogar herumgesprochen, dass der pestizidfrei und ökologisch korrekt angebaute Apfel aus Südafrika keine Lösung darstellt. Der musste nämlich einen sehr langen Weg zurücklegen, bevor er in unserem Supermarkt-Regal gelandet ist. Wer über seinen ökologischen Fingerabdruck nachdenkt, greift also lieber zu hiesigem Obst. So weit, so gut. Aber wie verhält es sich mit dem schicken, neuen T-Shirt, das wir uns mal wieder gönnen möchten? Das muss eigentlich nur trendy sein und einen coolen Markennamen tragen, oder?
Die Zeiten ändern sich. Inzwischen ist eine Konsumentengruppe herangewachsen, die Wert auf Nachhaltigkeit und Umweltschutz legt und darüber hinaus mittlerweile bewiesen hat, dass sie eine gewisse Macht besitzt.

Bewusster Konsum bedeutet nicht Verzicht

Bereits im Jahr 2000 beschrieb der US-amerikanische Soziologe Paul H. Ray in seinem Buch ‚The Cultural Creatives: How 50 Million Are Changing The World‘ erstmals das Phänomen der Lohas. Die Vertreter des ‚Lifestyle of Health and Sustainability‘, so Rays These schon damals, pflegen einen neuen Lebensstil, der von den Prinzipien der Nachhaltigkeit geprägt ist. Tatsächlich hat dieser neue Konsumententyp innerhalb weniger Jahre nicht nur die Lebensmittelindustrie, sondern vor allem auch die Modebranche beeinflusst. Denn die neue, bewusste Konsumeinstellung bedeutet keineswegs automatisch Verzicht, wie auch Matthias Horx vom Hamburger Zukunftsinstitut während eines Zürcher Medien-Events im Juli 2012 erklärt: „Hier geht es einfach um eine neue Form des Konsums, in der die Menschen tatsächlich auch wieder Sinn und Ausgleich suchen – mit der sie umgebenden Gesellschaft und natürlich der Umwelt.“
Eine wichtige Voraussetzung für eine solche Sinnhaftigkeit: Transparenz und Verlässlichkeit. Und genau darum ist die Non-Profit-Organisation Cotton Council International (CCI) laut eigener Aussage seit Langem bemüht. 1956 in Washington D.C. gegründet, betrachtet sie sich als Vertreter der US-amerikanischen Baumwoll-Industrie und zugleich als strategischer Partner von Industrie und Handel. Fest steht: Redet man von Bekleidung und Mode, landet man unweigerlich beim Thema Baumwolle, macht diese doch etwa 33 Prozent an der weltweiten Produktion der Textilfasern aus. Mit einem Mengenanteil von rund 75 Prozent ist Baumwolle zudem die am häufigsten eingesetzte Naturfaser für Heim- und Bekleidungstextilien. Dank des anhaltenden Bio-Booms gilt Ökobaumwolle als das Material der Stunde. „Zwar macht der Anteil von Biobaumwolle an der gesamten Baumwollernte weltweit noch immer weniger als ein Prozent aus. Aber Ernte und Verarbeitung wachsen rapide an“, weiß Kirsten Brodde, Textilexpertin und Autorin des Buches ‚Saubere Sachen‘.

Die Nachfrage nach „bio“ überfordert die Industrie

Dass dieser Trend langfristig neue Probleme aufwirft, hat man in der Textilindustrie längst erkannt. Denn eines gilt es, im Blick zu behalten: Der weltweite Jahresumsatz mit Bio-Textilien hat sich in den vergangenen vier bis sechs Jahren mehr als vervierfacht; die Produktion ist von 20.000 Tonnen auf rund 180.000 Tonnen angestiegen. Allein auf dem deutschen Markt dürften etwa 15 bis 20 Prozent der fair gehandelten Textilien aus Biobaumwolle bestehen, schätzt der Verband Fairtarde Deutschland. Bioware müsste daher über kurz oder lang in viel größeren Mengen produziert werden, damit die Nachfrage gestillt werden kann.

Der ökologische Vorteil liegt klar auf der Hand, möchte man meinen: Klassische Biobaumwolle arbeitet mit Fruchtfolgen statt mit Pestiziden. Abwechselnd werden Obst, Gemüse, Sonnenblumen oder eben Baumwolle angepflanzt, und nur organischer Dünger wird verwendet. Dadurch erhöht sich der Humusanteil des Bodens, der wiederum mehr Wasser und CO2 speichern kann. Das ist allerdings nur eine Seite der Medaille. Denn ökologisch angebaute Baumwolle erzielt weitaus geringere Erträge, als es herkömmliche Pflanzen auf vergleichbarer Fläche tun.
Wer die gesteigerte Nachfrage also langfristig befriedigen möchte, benötigt mehr Land und vor allem Wasser. „Bei dem Wettbewerb der verschiedenen Saaten und Anbauflächen muss man bestrebt sein, den Ertrag pro Hektar zu maximieren. Ansonsten müssten wir viele Regenwälder abholzen“, so Agrarwissenschaftler Allen Terhaar, seit Anfang 2012 Senior Advisor des CCI. „Denn die steigende Weltbevölkerung will schließlich ernährt und auch eingekleidet werden.“

Biotech-Baumwolle als Alternative?

Müssen wir uns etwa zwischen Biobaumwolle und Regenwäldern entscheiden? Terhaar winkt ab. Es gäbe schließlich eine nachhaltige Alternative – und die heißt Biotech-Baumwolle: „In den letzten 25 Jahren ist durch die Biotech-Baumwolle ein großer Fortschritt bei der Verminderung des Umwelteinflusses gelungen. Mit der neuen Technologie konnten wir in den USA die Flächen trotz steigender Erträge verkleinern, den Wasser- und Pestizidverbrauch massiv senken, ebenso den Energieeinsatz, den Klimaeinfluss, und, nicht zu vergessen, den Verlust an Muttererde durch Bodenerosion.“
Tatsächlich sieht es so aus, dass die Fixierung auf Biobaumwolle langfristig nicht die Lösung sein kann. Das Wirrwarr der verschiedenen Zertifizierungen macht es dem Konsumenten zudem schwer, sich auf dem Markt der Biotextilien zurechtzufinden. Die jüngsten Skandale rund um angebliche Biobaumwolle, die in Wahrheit gentechnisch verändert war, haben ebenfalls für Verunsicherung gesorgt. Im Januar 2010 konfrontierte die ‚Financial Times Deutschland‘ die Textilketten H&M, Tchibo und C&A mit falsch ausgezeichneter Ware.
Doch selbst wenn so etwas nicht passiert: Wesentlich bei der ökologischen Bewertung eines Baumwollproduktes ist, wie die Faser im industriellen Prozess weiterverarbeitet wird. Hier kann ein Produkt aus Öko-Baumwolle sogar viel schlechter abschneiden als eins aus konventioneller Baumwolle. Veredelungs- und Färbeprozesse liefern in diesem Zusammenhang nur einige der wichtigen Stichworte. Hübsches Öko-Siegel hin oder her – Bio ist mit nachhaltig keineswegs identisch!
„Wir werden die Welt nicht mit Mode retten!“, rief Modedesignerin Vivienne Westwood während der ‚IHT Luxury Conference’ vergangenen November in Rom aus. „Wir produzieren all diese nutzlosen Dinge, all diesen Müll, um zu wachsen, und dabei verkümmert unsere Menschlichkeit.“ Da könnte die Londoner Fashion-Ikone Recht haben. Der Bio-Boom zeigt, dass der Konsument durchaus Einfluss auf Markt und Umwelt nehmen kann. Wenn wir wieder guten Gewissens auf Shopping-Tour gehen wollen, müssen wir lernen, die gesteigerte Nachfrage und wachsende Weltbevölkerung bei der Öko-Bilanz zu berücksichtigen.