Fair Marinière – Frankreichs Modeklassiker unter der Lupe

Baskenmütze, Baguette unter dem Arm und natürlich Marinepulli. Wir wollten hinter die Kulissen eines französischen Couture-Klischees blicken und sind als erste deutsche Pressevertreter in die Normandie zu Saint James gereist. Dort haben wir gelernt, wie ein klassisches Traditionsunternehmen mit Zeit und Zeitgeist umgeht – ohne seine Ideale zu verraten.

Yves Saint Laurent, Jean-Paul Gaultier, Karl Lagerfeld – wie schön wäre es, einmal in der höchst privaten Garderobe großer Modedesigner zu stöbern. Was die eben genannten Herren betrifft, ist zumindest gesichert, dass sie allesamt ein Faible für einen ganz besonderen ur-französischen Klassiker hatten, beziehungsweise immer noch haben:
La Marinière“, der berühmte quergestreifte Langarmpulli, der seit einer gefühlten Ewigkeit zur offiziellen Ausstattung französischer Seeleute gehört und dessen Anzahl an blauen Streifen angeblich die Summe der Siege Napoléon Bonapartes wiedergibt, wurde zwar vielfach kopiert, geht aber eigentlich auf eine kleine Spinnerei in der normannischen Ortschaft Saint-James zurück – der Einfachheit halber auch gleich Firmenname – die in unmittelbarer Nähe zum Touristenmagneten Mont Saint-Michel liegt.

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Die Historie der kleinen Gemeinde mit nur knapp 5.000 Einwohnern ist bemerkenswert: Einst von Willam the Conqueror im 11. Jahrhundert gegründet, befindet sich hier die Wiege der französischen Wollverarbeitung und bis heute werden an dieser Stelle die Marinières der französischen Marine, außerdem robuste Pullover für die Gendarmerie – und natürlich auch die beliebten Klassiker für uns Normalsterbliche gefertigt, deren Herz für langlebige und zeitlos schöne Mode schlägt. Ergänzt wird die Kollektion mit aktuellen Styles, die den zeitgeistigen Geschmack der jeweiligen Saison treffen; darunter auch Cardigans, Caban Jacken oder Jerseykleider mit dem berühmten Streifendessin.

„Bei uns wird alles hier vor Ort in Saint-James gestrickt, zusammengesetzt und einer eingehenden Qualitätskontrolle unterzogen“, betont Luc Lesénécal, Geschäftsführer bei Saint James. Für den Familienvater, der selbst aus der Region stammt, stehen familiäre Arbeitsbedingungen und echte Qualität an erster Stelle. Lange Jahre hat er zuvor als stellvertretender Generaldirektor für die Kooperative Isigny-Ste-Mère gearbeitet, die lokale Milchprodukt-Spezialitäten im Fokus hat und neben feinster Herstellung vor allem artgerechte Tierhaltung groß schreibt. Eine Priorität, die auch bei Saint James eine tragende Rolle spielt.

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„Natürlich achten wir bei Saint James darauf, woher unsere Wolle kommt, und dass nicht auf Kosten von Mensch oder Tier irgendein Profit geschlagen wird”, weiß Monsieur Lesénécal. Nur reine Schurwolle wird hier im dörflichen Werk verarbeitet, in dem über 300 Mitarbeiter aus der Region angestellt sind. Im Klartext bedeutet dies, dass die Wolle ausschließlich von lebenden australischen oder neuseeländischen Schafen stammt und niemals aus den Fellen geschlachteter oder verendeter Tiere gewonnen wird. Die Saint-James-Schafe dürfen also gemütlich im Familienverbund auf der Weide grasen und enden weder als Lammgulasch noch als Ledertäschchen.
Eine stressfreie Arbeitsatmosphäre herrscht auch in der Rue des Métairies, dem Stammsitz von Saint James, der übrigens im Jahr 1850 als kleine Spinnerei seinen Anfang nahm und sich ein paar Jahre später auf die rubusten Seemanspullis für die Marine spezialisierte. Gerade haben die Schulen der Region ihre Herbstferien und da wird die Produktion eben ein wenig zurückgefahren, wie uns Creative Director Jacqueline Petipas bei einem Rundgang erzählt. Die Belegschaft soll sich wohlfühlen und die Arbeit mit dem Familienleben vereinbaren können.

In kleinen separaten Räumen, die den Lärm der Strickmaschinen deutlich dämpfen, sitzen vor allem Frauen, die sich um ein perfektes Maschenbild kümmern oder kleine Flugfäden aus der Wirkware befreien. Ohne Lupe und eine ruhige Hand geht da nichts. Auffällig ist, dass fast alle Mitarbeiter Shirts, Pullis oder Kleider von Saint-James tragen oder sich kleine Accessoires aus Restware gebastelt haben. Die Liebe zum eigenen Produkt ist unverkennbar – übrigens auch auf der firmeneigenen Website, die sich neben der beeindruckenden Firmenhistorie auch dem Thema Fleckentfernung widmet, um Langlebigkeit zu garantieren.
Achtsamkeit in der gesamten Herstellungskette wird eindeutig mehr Bedeutung beigemessen als in aufwendige PR-Maßnahmen zu investieren. Wie sonst kann man sich erklären, dass Saint James zumindest im deutschen Sprachraum nur Eingeweihten ein Begriff ist und wir von Fair-Fashion.net tatsächlich die ersten deutschen Pressevertreter sind, die sich durch die heiligen Hallen der Marinière-Spezialisten führen lassen, wo neben hocheffizienten und -modernen Strickmaschinen auch über 70 Jahre alte Industriemodelle vor sich hinrattern, deren Robustheit bis heute geschätzt und gepflegt wird.

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Am allerwichtigsten aber sind bei Saint James – das merkt man vor allem am respektvollen Umgang miteinander – die Menschen, ohne deren Sachverstand nichts ginge. Nach jedem noch so kleinen Arbeitsschritt werden die Ergebnisse mit Adleraugen untersucht: Egal, ob es sich um ein einziges fertiges Strickbündchen, einen Ärmel oder die seitliche Knopfleiste handelt. Die anspruchsvolle Kundschaft, die in den eigenen Boutiquen in Paris, Nizza aber auch New York und Tokyo einkauft, soll am Ende ein perfektes Produkt in den Händen halten und möglichst lange tragen können.
Kein Wunder, dass Saint James neben dem Preis für „Ethique et Gouvernance“, der nur für besonders gute Geschäftspraktiken verliehen wird, auch das Siegel des Entreprise du Patrimoine Vivant (EPV) entgegennehmen durfte, das der Staat Frankreich nur an wenige ausgewählte Marken vergibt. Neben Edelschneidern wie Chanel und Lanvin gilt also auch Saint James als typisch französisches Unternehmen, das Tradition, Stil und ein positives Markenimage so wunderbar unter einen Hut bringt und in die Welt trägt.

Fotos: Saint James, Gerlind Hector