Gift im Schuh – Lieferketten-Chaos bei Zalando

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Schrei vor Glück? Wohl eher vor Graus – über die aktuellen Pressemeldungen zum Thema Lederschuhe, Lieferkette und Zalando. Denn wie wichtig die erst jüngst vom IVN (Internationaler Verband der Naturtextilwirtschaft e.V.) präsentierten Öko-Siegel bezüglich Lederwaren und Schuhe sind, zeigt sich mal wieder am Beispiel des Berliner Online-Händlers. Auch Fair-Fashion.net hatte schon über die Problematik mit belastetem Leder berichtet.

Wie der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe vom 14. Juli 2014 schreibt, finden sich nach wie vor regelmäßig Reste des hochgiftigen Schwermetalls Chrom VI in Lederschuhen von Zalando, aber auch in Modellen von anderen Marken. Dabei hatte Zalando erst im vergangenen April diverse Modelle der Eigenmarken „Zign“, „Pier One“, „Taupage“ sowie „Zalando Collection“ zurückrufen müssen. Damals war die zulässige Chrom VI-Belastung zum Teil um mehr als das 13-fache überschritten worden. Nach Recherchen der Wirtschaftswoche waren damals die amtlichen Proben bereits ein halbes Jahr zuvor im Berliner Zalando-Outlet entnommen worden. Normalerweise lassen Händler oder Hersteller in einem derartigen Fall parallel zu den amtlichen Untersuchungen ebenfalls die eigene Ware testen, damit die Kunden rasch informiert werden können. Nicht so Zalando; angeblich sei man von den Outlet-Mitarbeitern nicht über die Testung in Kenntnis gesetzt worden. In Zukunft wolle man hier allerdings für einen zügigeren Informationsaustausch sorgen, hieß es damals. Dies sei „eine interne Angelegenheit“, die man bereits gelöst habe, ließ seinerzeit ein Zalando-Sprecher verlauten.

Tatsächlich ließ Zalando im vergangenen April ganze 1.500 Paar Schuhe zurückrufen, tat dies aber als „vorsorgliche“ Maßnahme ab. Hatte man sich doch schnell von einer Beratungsfirma versichern lassen, dass die potentiellen Schuhträger keinem erhöhten Risiko ausgesetzt gewesen wären. Dass dies das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) ganz anders sieht, stört und störte die Zalando-Manager offenbar nicht. Das BfR empfahl bereits Mitte der Nuller Jahre, Kleidung und Schuhe, die direkt am Körper getragen würden, auf keinen Fall mit Chrom VI zu behandeln. Das hochgiftige Reaktionsprodukt aus dem Gerbprozess von Leder löse nicht nur Allergien aus, sondern sei auch krebserregend und erbgutverändernd. Auch Stiftung Warentest hatte erst vor rund einem Jahr diesbezügliche Untersuchungen veröffentlicht und ausdrücklich vor Chrom VI gewarnt.

Das Grundproblem: Kaum ein großes Unternehmen hat einen Überblick über seine komplette Lieferkette. Zalando verweist zwar immer wieder gern auf Produktionsstätten in Spanien oder Italien, woher genau aber Leder oder Zutaten stammen, bleibt meist im Dunkeln. In Wahrheit wurden beispielsweise die kontaminierten „Pier One“-Schuhe von Zalando nicht in Spanien, sondern in Mazedonien gefertigt, wo sie wiederum das italienische Unternehmen Lenci geordert hatte, bei dem Zalando ursprünglich bestellt hatte. Wo im Übrigen das verarbeitete Leder herkam, vermag man bis heute weder bei Zalando in Berlin noch bei Lenci in der Toskana genau sagen. Wahrscheinlich aus Asien.

Womit wir wieder mal bei der Problematik mit den dubiosen Zwischenhändlern wären. Der Klassiker: Das Leder wird irgendwo in Asien eingekauft, und zwar von einem Zwischenhändler, der wiederum den Schuh-Hersteller – also nicht den Händler – beliefert. Stichproben möglicher Gift-Belastungen lässt man auf halbem Wege, zum Beispiel in der Türkei, erledigen – das ist ohnehin billiger. Die Mär von der berühmten Fertigung in Europa, ist laut SPIEGEL, zudem Augenwischerei. Nicht selten sei die spanische oder italienische „Manufaktur“ nur ein Durchgangslager, bei dem die aus Billiglohnländern stammenden Schuhe lediglich umgepackt würden. Für das Prädikat „Made in Spain“ reiche es beispielsweise, Schnürbänder durch die bereits fertigen Modelle zu ziehen. Auch dies werde mitunter von Tagelöhnern erledigt, die nur 30 Euro am Tag verdienen.

Ob die aktuellen Negativ-Schlagzeilen sich irgendwie auf den womöglich geplanten Börsengang von Zalando auswirken, ist ungewiss. Ohnehin ist es für den Laien schwer verständlich, warum ein Unternehmen, das allein im ersten Quartal dieses Jahres seinen Umsatz um mehr als ein Drittel gesteigert hat, nach wie vor Rote Zahlen schreibt. Dafür seien die hohen Investitionen verantwortlich, heißt es. Die werden allerdings, so ein Zalando-Vorstandsmitglied, in Auslands-Expansion, Logistik und kundenorientierte Innovationen, zum Beispiel Apps, gesteckt. In hochwertige Qualitätsprodukte offenbar also nicht!