Hermès macht Resteverwertung

Luxus bedeutet – die Lateiner unter uns wissen das – „Pracht“ aber auch „Sittenlosigkeit“. Das Pariser Familienunternehmen Hermès kann sich wohl beides auf die Fahnen schreiben. Als Hersteller von Luxusgütern wie edlen Seidenschals, Porzellan und zeitlos schönen Handtaschen wie der Kelly oder der Birkin Bag haben sich die Franzosen seit ihrer Firmengründung im Jahr 1837 einen wohlklingenden Namen erarbeitet.
Dass man beim Thema Luxus auch mal gründlich über’s Ziel hinausschießen und hemmungslos übertreiben kann, kommt vor. Erst im Frühjahr diesen Jahres erntete Hermès einige Negativ-Schlagzeilen dank eines Shirts aus Krokodilleder, das für satte 91.500 Dollar in den Verkauf kam. Eine fürstliche Summe, doch den wahren Preis mussten natürlich eine Handvoll Krokodile bezahlen, die zwar nicht mit Haken und Schlingen aus den Everglades gefischt und mit Meißeln malträtiert wurden, wie bei Wilderern üblich. Stattdessen stammt das Gros der verarbeiteten Reptilienhäute aus amerikanischen Tierfarmen, wo die Krokodile in viel zu kleinen, verdreckten Becken gehalten und nach zwei Jahren mit Metallstangen erschlagen oder gleich bei lebendigem Leibe gehäutet werden. PETA USA (www.peta.org) hat dies nachgewiesen und der Spaß an schicken Kroko-Taschen, -Schuhen und -Shirts sollte einem da wirklich vergehen.

hermes-crocodile-leather-900000-tshirt-1 Wild thing? Luxuriöses Kroko-Shirt von Hermès.

Dabei hatte man doch im Jahr 2009 tatsächlich das Gefühl, die Pariser Spezialisten hätten sich dank der Erfindung des Projektes „Petit h“ eines Besseren besonnen. Damals hatte die Hermès Manufaktur ganz offiziell mit der Resteverwertung angefangen und Kunstliebhaber sowie Tierfreunde waren glücklich.
Die Idee dazu hatte Pascale Mussard, Familienmitglied der Hermès-Dynastie in der sechsten Generation.Wenn aus einem wunderschönen, speziell ausgewählten Leder alle Elemente für eine Handtasche ausgeschnitten sind, bleibt sehr viel Material übrig, das genauso edel ist, betonte Mussard.Es hat mir das Herz zerrissen, wenn so etwas weggeworfen wurde.

avec_la_collection_petit_h_hermes_se_met_au_recyclage21-1023x556 Bambi und seine Freunde möchte man am liebsten sofort mit nach Hause nehmen.

On ne jette rien“, hieß die Parole – wir schmeißen nichts weg – und aus Leder- und Stoffresten werden seitdem allerliebste und höchst raffinierte Kreationen geschaffen: Niedliche Bambis auf staksigen Beinchen, tapsige Pandas oder – oops – sogar handliche kleine Krokodilchen, die putzige 18cm lang sind. Selbst fehlerhafte Handtaschen finden eine neue Lebensaufgabe und dürfen zünftigen Kuckucksuhren ein nobles Heim bieten.
Très chic“ und außerdem UpCycling in seiner luxuriösesten Interpretation; leider inklusive der Preiskalkulation. So soll zum Beispiel eins der eher unaufwändigen „UPOs“ (unbekannte poetische Objekte), das kleine Krokodil, 340 Euro kosten. Hüstel!

Bildschirmfoto-2012-11-12-um-16.08.42 Wer hat an der Kuckucksuhr gedreht? Für UpCycling ist es nie zu spät.

Dennoch, Unser Appell lautet eindeutig: Bitte mehr „Petit h“ und weniger „grand malheur“ durch komplett überflüssige Krokodil-Shirts. Das braucht die Welt nun wirklich nicht und Hermès darf sich mit seinen außergewöhnlich kunstfertigen Handwerkern ohnehin auf die eigene Schulter klopfen. Erst im vergangenen Jahr hat das Unternehmen seine Spezialisten für das „Festival des Métiers“ auf Tournee geschickt, im Juli 2012 zum Beispiel ins Münchner Haus der Kunst, und Luxus-Liebhaber konnten beim „savoir faire“ zuschauen. Das war pure Inspiration und hat Lust auf mehr gemacht. Also bitte, bitte eine Zugabe und außerdem viele neue, herzige „petit h“-Kreationen. Merci!

„Petit h“-Film von Hermès:

Text: Gerlind Hector