Kann denn Kaufen Sünde sein?

Und sie nähen einfach weiter! Die Süddeutsche Zeitung widmet ihren Wochenendschwerpunkt heute, am 11. Mai 2013, den Billig-Textilien.
Denn wie geht’s eigentlich weiter, nachdem aus den Trümmern des Rana Plaza in Bangladesh inzwischen über 1.000 Tote geborgen wurden? Im Grunde wussten wir doch schon lange, dass irgendwer irgendwo einen hohen Preis für unser billiges T-Shirt zahlen muss. Jetzt stürzen sich die Medien also ein paar Wochen auf das Thema – und danach gehen wir bitte wieder zur Normalität über. Der „Kunde ist König“ – das Kürzel dafür lautet übrigens Kik – und der schaut eben in erster Linie auf den Preis.
Ist das wirklich so? Laut einer Umfrage des Online-Portals Rakuten zählt zumindest für deutsche Kunden primär die Auswahl und sogar die Qualität; der Preis ist „nur“ für 59% das oberste Entscheidungskriterium beim Kauf – zumindest online. Im internationalen Vergleich stehen wir Deutschen damit tatsächlich ein wenig besser da, nämlich um 2%.
Ist da womöglich ein klitzekleines Umdenken im Gange? Das Gros der SZ-Autoren ist da eher skeptisch. Auf einer Doppelseite im Wirtschaftsteil werden einige Facetten der aktuellen Diskussion auf unterschiedliche Weise beleuchtet. So hat die Reporterin Karin Steinberger mit Menschen in Bangladesh gesprochen, die trotzdem weiterarbeiten, in baufälligen Textilfabriken und unter gesundheitsgefährdenden Bedingungen. Warum? Weil sie einfach keine Wahl haben. Da freut sich zum Beispiel eine Zwölfjährige über ihren tollen Job, weil sie dort nur mit der Hand geschlagen werde. Wenn es gut laufe, so liest man weiter, erhalte sie immerhin 21 Euro. Im Monat! Davon kann sich übrigens auch in Bangladesh niemand ernähren.
„Nähstube des Westens“ lautet ein Feature zum Thema Greenwashing. Ende 2011 veröffentlichte das westfälische Textilunternehmen Kik erstmals seinen groß angekündigten Nachhaltigkeitsbericht, der sich bei genauerem Hinsehen wohl mehr als Investition in einen billigen Standort entpuppt. Warum im just zusammengestürzten Gebäude in Bangladesh auch Kik-Textilien gefunden wurden, kann man sich beim Firmensitz in Bönen kaum erklären. Da müssen wohl Subunternehmer oder Importeure Schuld sein…
Immerhin: In den vergangenen Jahren sind viele Mode-Unternehmen von asiatischen Billiglohnländern wieder in Richtung Europa zurückgewandert. „Wir müssen nicht an den billigsten Orten produzieren“, findet zum Beispiel Karl-Heinz Mohr, dem das Starnberger Label More&More gehört. Der wichtigste Grund: Im schnelllebigen Geschäft mit der Mode sei Nähe wichtig – auch zur Produktionsstätte, um unter anderem eine gleichbleibende Qualität zu garantieren. Mohr selber war natürlich auch in Bangladesh, um sich dort nach möglichen Partnern umzusehen. Darüber, was er dort gesehen hat und warum er sich am Ende lieber gegen Bangladesh entschieden hat, mag er nicht reden. Auch das ist eine Aussage!
Aber was ist eigentlich mit dem durchschnittlichen Hartz IV-Empfänger, der pro Monat höchstens 30 Euro für Schuhe und Bekleidung ausgeben darf? SZ-Autor Autor Michael Kuntz stellt fest: „Erst die Globalisierung hat für diese Menschen modische Textilien erschwinglich gemacht.“ Ist die aktuelle Diskussion also für Kunden, die in einem finanziellen Engpass leben, der blanke Hohn?
Handfeste Tipps geben im Artikel „Billig, billig, billig“ Verdi-Experte Johann Rösch und Gisela Burckhardt von der Frauenrechts-Organisation Femnet. Rösch weiß, dass wir für ein T-Shirt oder eine Bluse im Handel lächerliche 50 Cent mehr zahlen müssten, wenn die deutschen Textilhändler jeden Monat 50 Euro mehr pro Näherin veranschlagen würden. Das wäre für die Beschäftigten ein wichtiger Schritt raus aus der Armut und würde auch der weit verbreiteten Kinderarbeit entgegenwirken.
Femnet-Chefin Gisela Burckhardt rät, Kleidung nur noch von Firmen zu kaufen, die sich an wirklich faire Konditionen bei der Produktion hielten. Dass es hier an Überwachungsmöglichkeiten mangelt, ist ihr durchaus klar. Burckhard vertraut daher besonders kleineren Labels, wie Nudie Jeans oder Monkee.
„Kunden sind vergesslich“ warnt der Marketingstratege und Buchautor Klaus-Dieter Koch im Interview mit SZ-Autorin Angelika Slavik. Denn wenn es nur einen kurzen medialen Aufschrei gebe, lasse sich der durchschnittliche Kunde nicht von seinem üblichen Kaufverhalten abbringen, so Koch. Als Beispiel nennt er die Selbstmordserie, die es beim Apple-Zulieferer Foxconn gegeben hat und die den Verkaufszahlen des iPhones nicht im Geringsten geschadet hat. Tatsächlich gebe es aber eine kritische Zielgruppe, die Koch „jung, weiblich, urban und gebildet“ nennt. Diese Gruppe war zum Beispiel treibende Kraft hinter der Bio-Bewegung, mit der die Konsumenten erstmals nachweislich eine gewisse Macht ausüben konnten und viele Lebensmittel-Hersteller schlicht zum Umdenken gezwungen haben.
Was wäre also, wenn wir auch weiterhin wachsam blieben und bei der Auswahl unserer Kleider und Schuhe genauso aufmerksam hinschauten, wie beim Kauf von Tomate, Karotte und Co? Wenn wir einfach hartnäckig beim Händler nachfragten und zur Abwechslung beim Etiketten-Studieren nicht nur die Pflegeanleitung sondern auch das „made in“ beachten würden? Und was wäre überhaupt, wenn wir nicht jeden coolen neuen Trend mitmachten und einfach mal nicht den billigsten Fetzen kauften, der gern nach einer Saison wieder auseinanderfallen darf? Dann würden wir definitiv merken, dass Nachhaltigkeit vor allem bei uns selber anfängt und wir nicht die Schuld weiterschieben können. Wir haben schließlich die Wahl! Im Gegensatz zur Zwölfjährigen Näherin aus Bangladesh.

 

Hier geht’s zum SZ-Interview mit Gisela Burckhardt:

 

Foto: bladig.es