„Mord im Namen des Profits“

Die Katastrophe von Savar rückt näher an uns heran als uns lieb ist. Bangladesh beklagt aktuell den größten Industrieunfall des Landes. Am vergangenen Mittwoch stürzte in Savar ein achtstöckiges Gebäude ein, in dem sich mehrere Textilfabriken befanden. Mittlerweile sind 397 Todesopfer zu beklagen und noch immer werden zahlreiche Menschen vermisst.
Am vergangenen Sonntag ging der Polizei endlich der Hausbesitzer ins Netz, der dem einst sechsstöckigen Gebäude ohne Erlaubnis zwei zusätzliche Stockwerke aufgesetzt und wohl außerdem minderwertiges Material verwendet hatte.
Risse im Mauerwerk hatten bereits am Tag vor dem Einsturz die Arbeiter in Angst und Schrecken versetzt. Doch die Besitzer der Textilfabriken hatten mit Kündigungen gedroht, falls es jemand wagen würde, seinem Arbeitsplatz fernzubleiben.
Doch wer ist eigentlich schuld an dieser abermaligen Tragödie? Sind es allein die rücksichtslosen Hausbesitzer? Die profitgierigen Textilfabrikanten des bettalarmen Staates? Vor allem sind es wohl die Schnäppchen-Jäger der westlichen Industrie-Nationen, die gedankenlos das T-Shirt für 9,95 € und die Jeans für 49 € einkaufen und auch noch stolz auf ihre Billigheimer-Mentalität sind. Also wir!
Denn der Druck, den die Textilfabrikanten auf ihre Arbeiter und Arbeiterinnen ausüben, den geben sie lediglich weiter. Besonders in Bangladesh stehen sie seit Wochen selbst unter starkem Druck, und zwar von Seiten der ausländischen Auftraggeber. Streiks und Proteste haben in den vergangenen Wochen bereits zu erheblichen Arbeitsausfällen geführt und die Wirtschaft des zweitgrößten Textilexporteurs nach China kam teilweise ganz zum Erliegen. Erste westliche Einkäufer fingen an, das Land zu meiden und die britische Firma Tesco verkündete öffentlich, dass sie mit dem Gedanken spiele, ihre Produktion in andere Länder zu verlegen. Diese Verluste galt es schnellstmöglichst wieder aufzuholen – um jeden Preis. Mit dem Satz „Leben und sterben für den Westen“ kündigt der SPIEGEL heute seinen Artikel zum selben Thema an und findet einen makabren Vergleich zwischen der buntgekleideten, trauernden Menge, die entfernt an eine Benetton-Kampagne erinnere.
Roy Ramesh Chandra, der Generalsekretär einer Gewerkschaft in Dhaka, fand die einzig richtigen Worte: „Das ist Mord im Namen des Profits. Denn die Arbeiter und Arbeiterinnen von Bangladesh mussten mit ihrem Leben dafür bezahlen, dass Verbraucher im Ausland preiswert Kleidung kaufen können.“