Paris: Kommerz mit Herz

Zwei kleine Jungs tun sich zusammen um an einer besseren Welt zu feilen! Klingt ganz nett und nach kitschigem Fimplot – und natürlich wissen wir alle, dass die Realität die beiden irgendwann einholen wird. Aber manchmal geschehen eben doch Zeichen und Wunder und tatsächlich gibt es Männer, denen ein flotter Porsche und eine goldene Rolex völlig schnurz sind – die nach Höherem streben, zugunsten eines besseren Karmas vielleicht.
François-Ghislain Morillion und Sébastien Kopp sind zwei von diesen seltenen Exemplaren. Seit ihrem 14. Lebensjahr sind sie dicke Freunde und packen gern gemeinsam an, wenn’s darum geht, die Welt aus den Angeln zu heben. Der Grundgedanke ihrer Lebensphilosophie gründet auf der simplen Frage: „Ist eine andere Welt möglich?“ Und dass sich Beharrlichkeit irgendwann auszahlt, haben die beiden Franzosen zunächst am Erfolg von Véja gemerkt. Im Jahr 2005 haben François-Ghislain und Sébastien ihr eigenes Sneakers Label gegründet, das zwei ihrer großen Lieben widerspiegeln sollte: coolen Sneakers im Seventies Look und Umweltschutz. Alle Véja-Schuhe werden auf nachhaltige und partnerschaftliche Art und Weise hergestellt, und zwar in Brasilien, für dessen atemberaubende Natur und lebenslustige Bevölkerung François-Ghislain und Sébastien ein echtes Faible haben. Bevorzugte Materialien sind Biobaumwolle und Naturkautschuk, aber auch pflanzlich gegerbtes Leder wird verwendet. Die Produktionsfirma in Vale dos Sinos in Süd-Brasilien wird streng überwacht, so dass Sicherheit am Arbeitsplatz und faire Bezahlung stets gewährleistet sind.

Musthaves der Pariser DJ Szene

Dass die typischen Véjas außerdem verdammt cool aussehen, hat sie im Nullkommanichts zu beliebten Musthaves in der Pariser DJ Szene gemacht. Die Nachfrage stieg also rasant und die beiden jungen Entrepreneurs hätten das Geschäft ihres Lebens machen können – wollten sie aber nicht. Billigproduktion und Massenware sind für die beiden kein Thema und echte Fans müssen sich eben darauf gefasst machen, auf ihre Lieblings-Modelle ein wenig warten zu müssen – wenn die Biobaumwollernte noch nicht eingefahren ist. DJ Martin Solveig und Fußballprofi Ronaldo, die als große Véja-Fans gelten, machen da keine Ausnahme und müssen ebenfalls ab und zu ein paar Monate Geduld in Kauf nehmen.
“Was uns wirklich auf die Nerven geht, ist plumper Kommerz und platter Kapitalismus!”, betont Morillion. Daher haben er und und Sébastien Kopp im Dezember 2010 ein eigenes ‘Shoppingcenter’, das Centre Commercial eröffnet, um auch anderen Labels, die eine ähnliche Idee wie Véja verfolgen, eine Plattform zu bieten. Klingt nach Widerspruch? Nicht im Falle des Centre Commercial, das in der Nähe des szenigen Canal Saint Martin gelegen ist. Mitten in Paris werden hier auf rund 150 qm ausschließlich Produkte angeboten, die fair und umweltfreundlich hergestellt wurden und bei denen ‘Handwerk’ keine leere Worthülse ist.
Bei der Ladeneinrichtung hat man sich auf’s Wesentliche konzentriert: Die Wände sind nur grob verputzt, der Dielenboden weiß lackiert. Die gleißende Helligheit, die das Augenmerk auf die ausgesuchte Ware lenkt, stammt von ungewöhnlichen Kronleuchtern aus Neonröhren und der zum Teil verglasten Decke. Als besonderer Eyecatcher wird eine ganze Wand nur für Künstler reserviert, die sich hier in regelmäßigem Wechsel kreativ austoben dürfen.

Produkte mit Herzblut

Hochmodische Wegwerfartikel sucht man im Centre Commercial vergebens. Neben Sneakers der Hausmarke Véja gibt es restaurierte Fahrräder, die aus den Atéliers sans Frontières stammen, limitierte Oberhemden des Münchner Labels A Kind Of Guise oder Kuscheltiere von Blabla Kids. Für jeden ist was dabei, einzige Voraussetzung, wie auch bei allen anderen ausgestellten Produkten ist, dass hier viel Herzblut investiert wurde. Jüngstes Baby: Das Centre Commercial Kids in der Rue Yves Toudic.
Wenn das nicht Social Business ist, was dann? “Bitte nicht!”, wehren Morillion und Kopp ab. Sie empfinden eine tiefe Abneigung gegen diesen Begriff, den sich mittlerweile so viele Firmen auf die Fahnen schreiben – ob’s nun stimmt oder nicht. Greenwashing ist ihnen ein Greuel und Bescheidenheit oberste Maxime. „Wir bleiben gern die kleinen Fische im Haifischbecken” betonen beide. Tatsächlich wollen die beiden Pariser weder mit Véja noch mit dem Centre Commercial ein goßes Fass aufmachen, und bestimmt keine Lieblinge auf Charity-Galas werden. Ganz nach dem Motto ‘der stete Tropfen höhlt den Stein’ feilen sie unermüdlich an ihrem Nachhaltigkeits-Konzept und machen ganz nebenbei die Welt peu à peu besser. Nicht mehr und nicht weniger. Voilà!

Labels:
A Kind Of Guise, A Peace Treaty, Base Range, Berangere Claire, Bleu de Paname, Charlotte Sometime, Church’s, Cousu de Fil Blanc, Études, Filson, Gkero, Jem, Knowledge Cotton Apparel, La Botte Gardiane, La Ceinture, Larose, Le Sellier, Maison Olga, Maison Baluchon, Margaux Lonnberg, Miansai, Mimi, Naked and Famous, New Balance, Objects without meaning, Patagonia, Repetto, Roseanna, Sara Barner, Saint James, Steven Alan, Suzie Winkle, Valentine Gauthier, Véja, Wait.

Véja: A Journey through Brazil

Centre Commercial

Rue de Marseille 2, 75001 Paris
T +33 (0)1 42022608
www.centrecommercial.cc

Öffnungszeiten:
Mo. 13.00 - 19.30, Di.-Sa. 11.30 - 20.00, So. 14.00 - 19.00

Fotos: Centre Commercial

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