Sustainability sucks – bitte kein neues Fair Fashion Label mehr!

Unsere Kleiderschränke platzen und die Welt versinkt im Müll. Irgendwie blöd, wenn man mit dem eigenen Label trotzdem gern Ruhm und Geld einheimsen möchte. Aber halt! Warum nicht fix auf den Sustainability-Zug aufspringen und eine Prise soziales Engagement hinzufügen? Fertig ist die Stil-Soße, die keiner braucht. Oder?

Braucht’s des“, würde sich Bayerns Kult-Komiker Gerhard Polt zurecht fragen, wenn er sich auch nur annähernd für neue Trends und Styles in der Fashionwelt interessieren würde. Tut er zum Glück nicht – und auch für uns wird’s langsam Zeit, mal wieder ruhig durchzuatmen. Denn Hand auf’s Herz: Das x-te Fair Fashion Label, das unmotiviert aber dafür mit viel eitler Selbstdarstellung daherkommt, muss nicht sein. Look at me? Bitte nicht schon wieder …

Greenpeace hat ermittelt, dass die meisten Deutschen – bei Österreichern, Schweizern und Briten wird es nicht anders sein – Kleidung als Wegwerfware betrachten. Rund 5,2 Milliarden Kleidungsstücke hängen bereits in deutschen Schränken und es werden täglich mehr. 40 Prozent werden davon selten oder nie getragen, Schuhe werden kaum ein Jahr ausgeführt und zum Ausbessern schadhafter Klamotten hat sowieso niemand Lust. „Mode ist zum Wegwerfartikel wie Einweggeschirr verkommen“, fasste es Greenpeace- und Nachhaltigkeits-Expertin Kirsten Brodde bereits 2015 treffend zusammen.

Ok, das lassen wir jetzt mal so stehen und freuen uns, dass vor einigen Jahren ein paar mutige Pioniere angefangen haben, es anders zu machen. Klein aber fein und Qualität vor Quantität!
Kreative wie Bruno Pieters, dessen Label Honest by für pure Transparenz steht, Safia Minney, die mit People Tree vor allem Fairtrade und Eco Fashion im Blick hat, Kiat Yen, der mit Indigo People eine fast vergessene Färbetradition wiederbelebt und mit kleinen Kooperativen zusammenarbeitet oder auch die Freitag-Brüder, die sich nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip richten und Wegwerfartikel wieder zurück in den Warenkreislauf bringen. Das geht so weit, dass der Freitag-Steuerberater regalmäßig die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, weil seine beiden Klienten sich selbst nur ein winziges Gehalt gönnen, alles in das Unternehmen reinvestieren und keinerlei Wert auf Porsche oder Protzdomizil legen. Nicht mal einen Füherschein können die Zürcher Brüder vorweisen.

Es gewinnt, wer am lautesten Ich! Ich! Ich! brüllt

Es gibt noch viele tolle Beispiele mehr und sie alle eint außerdem noch etwas ganz besonderes: Fehlende Eitelkeit und Gleichgültigkeit gegenüber noch mehr Profit. In einer Gesellschaft, in der gewinnt, wer am lautesten Ich! Ich! Ich! brüllt, sind das Tugenden, die man gar nicht hoch genug einschätzen kann.
An die mag sich aber nicht jeder halten – und weil das Thema Fair Fashion inzwischen so richtig, richtig, richtig hip geworden ist, meint mancher, er kann sich unter dem Deckmäntelchen der Selbstlosigkeit fix ein eigenes Fashion Label zurechtschustern.

Das gefühlt hundertste Öko-T-Shirt-Label versucht sein Glück per Crowdfunding, die nächste angesagte Fashionbloggerin mit jeder Menge Instagram-Followern wirft eine austauschbare, vor Langeweile strotzende sustainable Streetwear-Kollektion auf den Markt. Aber hey, unter dem Motto „Giving Something Back“ werden immerhin satte 50 Cent bei jeder Bestellung an karitative Zwecke gespendet.

Warum? Wer braucht das noch? Wieso die Welt mit noch mehr Plünnen überschütten, die dann doch wieder nur im Müll landen? Weil man nun mal total auf Mode steht und der Welt etwas zurückgeben will von seinem eigenen, irre individuellen Stil? Dann stellt Euch doch vor der Gründung Eures eigenen Fair Fashion Labels folgende Fragen:

Hand auf’s Herz: Was willst Du?

  1. Wofür brennst Du und was treibt Dich wirklich an? Willst Du tatsächlich die Welt verbessern oder einfach nur – und jetzt sei mal ganz ehrlich – Dein Ego streicheln, Ruhm und Ehre einheimsen?
  2. Bist Du bereit, Deine ganze Freizeit zu opfern, die nächsten funny Urlaube zu canceln, unter anderem, weil Du einfach nicht die Kohle dafür hast? Schließlich fließt Dein bisschen Geld gerade in Dein Unternehmen.
  3. Hast Du Ahnung vom Thema Mode? Damit ist nicht das Wissen um die neueste It-Bag oder den letzten heißen Scheiß aus New York oder Berlin gemeint, sondern so unsexy Dinge wie Design, Schnitt, Fertigung, Produktion, Kalkulation.
  4. Hast Du eine Vision? Willst Du ein vergessenes Handwerk wiederbeleben, einer missachteten Randgruppe Verdienstmöglichkeiten bescheren oder Müll einsammeln, den Du dann zu einem wirklich einzigartigen Produkt wieder in den Warenkreislauf bringst? Willst Du also wirklich etwas für andere und die Umwelt tun?
  5. Wie steht’s mit Deiner Kreativität? Hast Du das Wissen und bist Du wirklich in der Lage, etwas Neues, Noch-Nicht-Dagewesenes, Ungewöhnliches auf den Markt zu bringen, das die Welt noch nicht gesehen hat? Noch mehr modischen Einheitsbrei braucht nämlich keiner.
  6. Kannst Du Deine Fachkenntnisse und Deine Energie nicht auch da einsetzen, wo Du vielleicht gerade eh schon bist? Kümmere Dich doch in Deiner Firma darum, das keine Pappbecher mehr verwendet werden. Unterstütze Deine lokale Tafel, die Essen an Hartz-IV-Empfänger verteilt, setz Dich in ein Repair-Café und stopfe Löcher in alten Kinderjeans.
  7. Du siehst, es gibt total viele Dinge, die Du auch im Kleinen bewegen kannst, die aber nicht annähernd so viel Sex Appeal haben wie ein cooles eigenes Fashion Label. Wichtig ist, dass Du überhaupt irgendwas tust; und sei es nur, beim Fashion Shopping etwas achtsamer zu sein, vielleicht auch mal das schicke Shirt und das crazy Kleidchen lässig im Laden hängen zu lassen.

Desillusioniert? Bitte nicht! Für echtes Mode-Bewusstsein ist es nie zu spät und Natur und Umwelt freuen sich über jede kleine Aktion, die auch wirklich ihnen zugute kommt. Und wenn Du den Fragenkatalog von oben locker durchgespielt hast und immer noch guter Dinge bist, was Dein eigenes Fashion Label betrifft, dann nur zu! Finden wir gut.

Foto: Loe Moshkovska / Pexels